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Schwerpunkt auf die Bildung des Menschen legt und weniger auf eine bereichsspezifische Ausbildung, die nur die
unmittelbare Arbeitsmarktverwertung von jungen Menschen im Blick hat. Vielleicht ergibt sich durch Bildung übrigens auch der angenehme ‚Nebeneffekt‘, dass man für sein
Leben einen nachhaltigeren Zugang zum Glück erhält …
Die gute Nachricht: Man kann das ändern. Seit längerer Zeit
schon werden von der pädagogischen Forschung Zusammenhänge beschrieben, die sich günstig auf die Lernwirksamkeit von Unterricht auswirken. 2013 ist die deutsche
Übersetzung des Epoche machenden Werkes Visible Learning von John Hattie4 erschienen , in der der Lehrer-SchülerBeziehung eine der höchsten Effektstärken für den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern beigemessen wird. Die
Variablen, die diesen Effekt bewirken, sind ein nondirektives, empathisches, warmherziges, ermutigendes, authentisches und am Lernen orientiertes Lehrerverhalten – und
übrigens nicht ein Lehrerverhalten, das Schwierigkeiten aus
dem Weg räumt, sondern im Gegenteil abstraktes Denken
fördert und die Lernenden herausfordert. Dies gelingt Lehrpersonen, die zeigen, „dass ihnen das Lernen eines jeden
Einzelnen persönlich am Herzen liegt“5. Dieser Befund wird
in der IQB-Studie vom letzten Jahr eindrucksvoll bestätigt,
denn die Autorinnen stellen heraus, dass Unterricht dann
besonders lernwirksam sei, „wenn er klar strukturiert ist, die
verfügbare Lernzeit effizient nutzt, kognitiv herausfordert
und zugleich individuell unterstützt“6. Das „Zusammenspiel von Angebot und Nutzung“7 mache die Qualität aus,
als Lehrkraft muss ich meine Schülerinnen und Schüler also
so gut kennen, dass sie die von mir vorgelegten Lernangebote auch nutzen können. Dabei seien nicht sog. Oberflächenmerkmale von Unterricht (also Methoden, Medien,
Material usw.) entscheidend, sondern Tiefenmerkmale,
die bereits von Hattie vor mehr als zehn Jahren benannt
worden sind. Ein „unterstützendes und wertschätzendes
Lernklima“8, also eine positive Fehlerkultur sowie konstruktives und ermutigendes Feedback, seien ebenso wirksam wie
„kognitive Aktivierung“, also die Anregung zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand, die die
Wissensstrukturen der Schülerinnen und Schüler neu ordnet.9 Erstaunlich viele Probleme im Befund der IQB-Studie
können also letztlich durch menschliche Zuwendung gelöst
werden: „Schüler:innen, die ihren Mathematikunterricht als
unterstützender erleben als ihre Mitschüler:innen im Durchschnitt, weisen höhere mathematische Kompetenzen, ein
höheres fachbezogenes […] Interesse sowie eine geringere
Mathematikangst auf“10. Schülerinnen und Schüler dürfen
in ihrem Unterricht durchaus an ihre Grenzen gebracht werden, es fördert sie sogar, entscheidend für den Lernerfolg
ist aber, dass sie sich von der Lernperson geachtet und geschätzt fühlen, damit sie sich in diesem Grenzbereich wohl
und sicher fühlen. In der persönlichen und individuellen
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John Hattie, Lernen sichtbar machen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von Visible Learning. Besorgt von Wolfgang Beywl und
Klaus Zierer. Baltmannsweiler 2013
5 Hattie, S. 143
6 IQB, S. 357
7 IQB, S. 358
8 IQB, S. 360
9 IQB, S. 361
10 IQB, S. 484
O S G - P O S T I L L E 2025/ 2026 · AU S G A B E 1 · JA N UA R 2026
Zuwendung der einzelnen Lehrperson zum einzelnen Schüler oder zur einzelnen Schülerin wird die individuelle Rückmeldung zum beobachteten Lernprozess lernwirksam. Dieser Zusammenhang ist in der Ressource Unterricht bislang
nicht genügend abgebildet, die Schülerinnen und Schüler
brauchen eine individuelle Begleitung ihrer Lernbiographie
durch ihre Lehrkräfte. Institutionalisierte Lernbegleitungsgespräche könnten ein kleiner Schritt sein, der aber eine große Bedeutung für die Lernwirksamkeit von Unterricht hat.
Mit Blick auf die beschämend geringen Ressourcen, die
unsere Gesellschaft für die Bildung ihrer nachwachsenden
Generation aufwendet, muss dringend mehr in Schule und
Erziehung investiert werden, auch damit sozial bedingte und politisch destruktiv wirksame Benachteiligungen
konsequent eingeebnet werden können. Einmal mehr die
bekannte Binsenweisheit – aber welcher Politiker oder welche Politikerin hat den Mut, endlich die notwendigen Entscheidungen zu treffen? Vielleicht kann das pädagogische
Zeitalter der Aufklärung etwas Mut machen und durch sein
‚pädagogisches Hebelgesetz‘ Hilfe geben, denn Jean Paul
gibt 1807 in seiner Levana oder Erziehlehre den Erwachsenen für die Kindererziehung auf den Weg: „Ein Kind sei
euch heiliger als die Gegenwart, die aus Sachen und Erwachsenen besteht. Durch das Kind setzt ihr, wiewohl mit
Mühe, durch den kurzen Hebelarm der Menschheit den
langen in Bewegung, dessen weiten Bogen ihr in der Höhe
und Tiefe einer solchen Zeit schwer bestimmen könnt.“
Dr. Frank Fritzinger
J Personalia
Nach den Sommerferien sind viele neue Kolleginnen und
Kollegen an unsere Schule gekommen, die wir an dieser
Stelle sehr herzlich begrüßen möchten: Von der deutschen
Schule in Istanbul ist Herr Matthis Mohs mit den Fächern
Physik und Sozialkunde an das OSG gewechselt, von der
deutschen Schule in Brüssel Herr Jens Schilb mit Mathematik und Physik.
Herr Jan Pfeiffer hat sich ebenfalls an unsere Schule versetzen lassen und verstärkt uns in Mathematik, Physik und Erdkunde. Als Neueinstellungen sind zu uns gekommen Frau
Luzie Rohr (Bi, Ph, Ge), Frau Dr. Klara Schubenz (D, Et) und
Frau Wiebke Spieß (BK, Ge, DS). Frau Manja Berger lebt
schon in Mainz, arbeitet bis zum 31.01. aber noch in Wiesbaden und wird danach mit dem Beginn des zweiten Halbjahres an unserer Schule BK und Geschichte unterrichten. Sehr
herzlich begrüßen wir auch unsere neuen Referendarinnen
und Referendare, die ihre Ausbildung an unserer Schule
absolvieren werden: Frau Linn Fausten (De, Phi, Et), Frau
Mona Heß (BK, Spa), Herr Daniel Kastenholz (E, Sk), Frau
Jana Kiefer (M, Bi), Herr Luka Peulic (Sp, Ge), Frau Miriam
Smid (Fr, Ek) und Frau Svenja Weith (It, Ge).
Dr. Frank Fritzinger
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