2601_Postille_final Export - Journal - Seite 2
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Der Schulleiter informiert
J Allgemeines
Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
mit Blick auf das breitbeinige Säbelrasseln, das in den Nachrichten im Augenblick alle weiteren Themen in den Hintergrund drängt, hat es auch und gerade die Bildungspolitik
schwer, sich Gehör zu verschaffen. Dabei scheint es besonders in den europäischen Ländern von herausragender Bedeutung sein, sich darüber auseinanderzusetzen, was junge Menschen für die Gestaltung ihrer Zukunft und unserer
Gesellschaft wissen und können müssen und in welcher
Form sie das lernen sollen. Die europäischen Länder befinden sich in fast schon dramatischer Weise in dem Konflikt,
dass sie einerseits sehr niedrige Geburtenraten haben, auf
der anderen Seite aber gerade auf junge Menschen angewiesen sind, die mutig für den demokratischen Rechtsstaat einstehen, die den Sozialstaat finanzieren, das Land
im Notfall verteidigen können, innovative Technologiekonzepte für die Wirtschaft entwickeln, unsere Gesellschaft
reformieren und auch ihrerseits wieder Familien gründen.
Der im letzten Jahr veröffentlichte IQB-Bildungstrend1 hätte eine Gelegenheit sein können, den bildungspolitischen
Gesprächsfaden in einem größeren Zusammenhang wieder aufzugreifen. Zum dritten Mal sind in ihm die mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen von
Schülerinnen und Schülern am Ende der 9. Jahrgangsstufe
gemessen worden. Die Ergebnisse sind schockierend, auch
wenn sie niemanden wirklich schockiert zu haben scheinen.
Sie werden mit einer Mentalität aufgefasst, die sich in vielen
Bereichen des gesellschaftlichen Lebens bemerkbar macht,
dass bestimmte Dinge zwar schlecht seien, man sie aber ohnehin nicht ändern könne. In Mathematik verfehlt mehr als
ein Drittel der Schülerinnen und Schüler in den 9. Klassen
den Mindeststandard für den mittleren Schulabschluss, nur
3 Prozent schaffen den Optimalstandard. Auch in allen naturwissenschaftlichen Fächern fallen die Mittelwerte ohne
großen Unterschied zwischen Biologie, Physik und Chemie
signifikant geringer aus als in der letzten Studie vor sechs
Jahren (dies gilt für die Gymnasien in gleicher Weise wie
für andere Schulformen). Dies betrifft übrigens auch die
Motivationslage der Jugendlichen – der Anteil von ihnen,
der über ein schwach ausgeprägtes fachliches Interesse verfügt, wird in der Studie als „besorgniserregend hoch“2 eingeschätzt. Kein Problem für ein Export- und Technologieland wie Deutschland? Das ist halt einfach nicht zu ändern?
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Petra Stanat u.a. [Hrsg.], IQB-Bildungstrend 2024. Mathematische
und naturwissenschaftliche Kompetenzen am Ende der 9. Jahrgangsstufe im dritten Ländervergleich. Münster 2025
IQB, S. 482
Und auch ein seit dem ‚Pisa-Schock‘ vor einem Vierteljahrhundert immer wieder herausgestelltes Problem des deutschen Schulsystems macht sich weiterhin massiv bemerkbar: Der sog. sozioökonomische Status entscheidet nach wie
vor über den Lernerfolg unserer Schülerinnen und Schüler.
Je höher dieser Status ist, desto höher sind die erbrachten
Leistungen in allen untersuchten Fächern und Kompetenzbereichen. In den Naturwissenschaften wurde für Jugendliche aus Elternhäusern mit hohem sozioökonomischem
Status und solchen aus Familien mit niedrigerem Status ein
Unterschied gemessen, der das Dreifache des zu erwartenden Lernzuwachses zwischen der 9. und 10. Jahrgangsstufe ausmacht. Dies ist übrigens auch ein Grund dafür, dass
Schülerinnen und Schüler aus Migrationsfamilien in der Studie deutlich niedrigere Kompetenzen erreichen als Kinder
aus Familien ohne Migrationshintergrund – gemeinsam mit
der naheliegenden Tatsache, dass es für sie unerlässlich ist,
dass sie Deutsch lernen, damit sie sich an ihrer neuen Schule überhaupt zurecht finden können: „Besonders wichtig ist
der Befund, dass sich Kompetenznachteile der geflüchteten
Jugendlichen […] erheblich reduzieren und teilweise nicht
mehr zu beobachten sind, wenn neben Unterschieden im
sozioökonomischen Hintergrund […] auch Unterschiede
in den Deutschkenntnissen statistisch kontrolliert werden.
Eine der wichtigsten Aufgaben des Bildungssystems besteht daher weiterhin darin, alle Schüler:innen sprachlich
in die Lage zu versetzen, die verfügbaren Bildungsangebote in der Unterrichtssprache Deutsch zu nutzen“3. Kein
Problem für eine demokratische Gesellschaft, die sich Verunsicherungen durch polarisierende Fliehkräfte ausgesetzt
sieht und versucht, Gemeinsamkeit und Mitte für die Menschen zu definieren? Das ist halt einfach nicht zu ändern?
Natürlich kann man Lernrückstände mit den pandemiebedingten Schulschließungen erklären, damit ist aber noch
keine Problemlösung gefunden, zumal berücksichtigt werden muss, dass fast ein Fünftel der Befragten angibt, über
ein nur geringes psychisches Wohlbefinden zu verfügen.
Im Überblick zeigen sich letztlich fachliche Defizite, deren
Aufarbeitung in den Schulen nicht selten durch fehlende psychische Gesundheit der Schülerinnen und Schüler beeinträchtigt wird. Erste Reaktionen scheinen, wie in
Deutschland üblich, Reaktionen zu sein, die über die Änderung von äußeren Strukturen ein erfolgreicheres Lernen
der Schülerinnen und Schüler bewerkstelligen möchten.
Aus der letztlich fruchtlosen Systemdebatte über die Gesamtschule in den 70er und 80er Jahren scheint man nicht
viel gelernt zu haben. Auch die angebliche Lebensferne
der in der Schule unterrichteten Fächer wird häufig dafür
verantwortlich gemacht, dass sich immer weniger junge
Menschen für Sachzusammenhänge interessieren, die sich
nicht auf den ersten Blick erschließen – und denen sie infolgedessen in der Tendenz ausweichen. Gerne werden an
dieser Stelle von um Aufmerksamkeit ringenden Medien
Mietverträge, Versicherungen und Finanzanlagen als Unterrichtsinhalte ins Spiel gebracht, ein Fach ‚Glück‘ wird gefordert, als könnte man mit entsprechender didaktischer Operationalisierung lernen, glücklich zu sein. Mit etwas mehr
Gelassenheit kann man darüber nachdenken, ob der schulische Fächerkanon seit langer Zeit nicht ohne Grund den
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IQB, S. 481